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Werner Steffen
Wohlerst 47 · D-21698 Wohlerst
Tel.: 04166/841516 E-Mail: steffen@naturbild.de

Fußmarsch Kuriksarka – Basiscamp Listvinitschnij
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Dienstag, 18. Juli

Der Vormittag beginnt gemächlich. Wir rechnen eigentlich damit, dass wir von hier aus Tagesexkursionen starten. Alle dödeln erstmal bis fast zum Mittag vor sich hin, wir warten darauf, was unser Führer vorhat. Recht plötzlich kommt die Ansage: „Zelte abbauen, alles zusammenpacken, wir brechen auf – und wir haben heute eine harte Wegstrecke vor uns.“ Ach du Sch...! Heute müssen wir unsere Ausrüstung und Verpflegung komplett selber tragen, weil Wasja und Anton ja diesmal nicht mit leeren Rucksäcken gehen. Und die Gitarre muss natürlich auch noch mit...

Kleine Pause an einem Bachlauf. Auf Wasjas Hinweis nehmen wir genügend Trinkwasser auf. Dann geht es hinauf auf ca. 700m in die Region des Berges Tschuval. Die Hitzwelle hält an. Wir schwitzen unter reichlich Gepäck und unter der Vermummung gegen die Mücken, die in der schwül-warmen Taiga kein Erbarmen kennen. Vielleicht wäre ein früherer Start besser gewesen, um der Mittagshitze zu entgehen?

Über Bärlapp, Moose und Flechten geht es durch Farnwedel und meterhohe Eisenhut-Dschungel. Wurzeln bedürfen der Aufmerksamkeit bei jedem Schritt. Immer wieder müssen wir mit schwankenden Rucksäcken über umgestürzte Baumstämme klettern. Wir bestaunen mächtige abgestorbene Baumruinen und kerngesunde 500jährige Sibirische Kiefern. Wiederum begeistert uns der Urwald um uns herum – aber wiederum lässt sich feststellen, dass Trecking und Ornithologie nur schwer kompatibel sind. Man hört nur die Grünlaubsänger und mal einen Zaunkönig schmettern.

Nach drei Stunden wird der Pfad steil und steinig. Die beiden älteren Semester müssen immer mal verschnaufen. Zum Glück! Denn bei einem der Päuschen entdecken wir das Highlight des Tages: Unscheinbar, gut getarnt im Geäst einer knorrigen Birke, hockt unbeweglich ein junger Hopfkuckuck! Anscheinend wird er von Bergfinken noch gefüttert, obwohl er schon flügge ist.

Der Weg wird noch steiler. Selbst Wasja denkt hier jedes Mal, dass er sterben muss. Aber der Wald wird Stück für Stuck lichter, Birkenwaldzone; wir nähern uns der Baumgrenze. Endlich erreichen wir eine Bergkuppe. Wasja gönnt uns eine Rast. Ist es noch weit??? Nein, wir sind am Grat angekommen: von einem Felsen aus nehmen wir Einblick in eine weite Tundra-Ebene. Richtung Norden reichen bis in unendliche Ferne die Bergketten des Ural. Menschenleere, wohin das Auge reicht.

Durch brusthohe Almkräuter-Wiesen (Weiderich, Eisenhut) geht unser Pfad. Er führt wohl zu einem kleinen Eingeborenen-Anwesen, Listvinitschnij (so heisst aber auch der nahegelegene Höhenzug), und eventuell auch noch weiter bis nach Lipia – ein Ort direkt an der Vishera, der ornithologisch im Visherski-Nationalpark wohl von zentraler Bedeutung ist. Uns ist klar, dass man als wildnisunerfahrenes westeuropäisches Zivilisationsopfer in dieser Gegend in jedem Fall auf einen ortskundigen Führer angewiesen ist.

Dann erreichen wir unseren Lagerplatz. Eine Feuerstelle auf einer kleinen Lichtung im aufgelockerten Birken-/Espenwald, in dem ein paar uralte Fichten die Zeiten überdauert haben.. Unter reger Anteilnahme der Moskitos werden die Zelte aufgebaut, Holz herangeschleppt, Trinkwasser aus dem Rinnsal geholt, das sich unterhalb in den Hang gegraben hat.

Nebenbei können wir uns der Vogelwelt widmen, wenn auch jeder Einsatz des Fernglases nur um den Preis einer Serie von Mückenstichen möglich ist. Recht häufig sind hier Tannenhäher, Rot- und Wacholderdrosseln, auffällig wegen ihres unermüdlichen Gesanges die Grün- und Wanderlaubsänger. Die große Überraschung sind für uns die Gelbbrauenlaubsänger. In der nächsten Umgebung unseres Lagers muss es mehrere Brutreviere geben, denn immer wieder sehen wir die gefiederten Zwerge hektisch durch das Laubwerk turnen. Die Zwergammern füttern anscheinend rund um die Uhr, verraten sich stets durch ihre Warnrufe, wenn wir in die Nähe der Jungen kommen. Die Familie der Finkenvögel ist mit Bergfink, Fichtenkreuzschnabel, Birkenzeisig und Karmingimpel vertreten. Das Highlight aber ist ein Hakengimpel-Pärchen, das auf dem Wipfel einer Fichte landet und sich in unmittelbarer Nähe geradezu in Pose wirftt. Ein Buschrohrsänger singt gelegentlich in einem kleinen Sumpfgebiet. Wasja hat auch Schwarzkehlbraunelle und Waldpieper an diesem Ort beobachtet, aber, weil die Vögel nicht mehr singen, haben wir keine Chance, sie zu finden.

Nach einer hinreichenden Erholungspause folgen wir gern Wasjas Vorschlag, in die Tundra zu wandern (diesmal ohne Gepäck). Es ist erstaunlich wie lang die Tage hier sind, so dicht am Polarkreis, langsam verliert sich unser Zeitgefühl.

Wir verlassen die Birkenwaldzone in Richtung des südöstlich gelegenen Tschuval-Gipfels überqueren auf federnden Moosmatten und blühenden Pflanzenpolstern eine sanft ansteigende fast strauchlose Hochebene. Das Ziel ist eine Anhöhe mit einer weithin sichtbaren Gruppe bizarrer Felsen, die an verwitterte menschliche Masken erinnern. Hier genießen wir den Blick auf ein phantastisches Panorama: Dort, hinter den runden Vorbergen, irgendwo in der Bergkette am Horizont endet Europa!

Uns überrascht ein kurzer Gewitterschauer – der erste seit langer Zeit. Wir können uns bei den Felsen unterstellen. Wie häufig ist es nicht einfach, der Tundra einige Vogelarten außer den typischen Wiesenpiepern zu entlocken: Aber immerhin hören wir weit entfernt den Ruf des Goldregenpfeifers, Blaukehlchen und Sibirisches Schwarzkehlchen beobachten wir in einem Sumpfgebiet mit Zwergweiden(?), und sehr lange müssen wir herumstreifen, bis wir ein Moorschneehuhn finden, an das wir uns auf wenige Meter annähern können.

Wir wandern zurück, lassen den Tag am Lagerfeuer mit Gesang und Gitarre ausklingen. Vor dem ersehnten Schlaf im engen Zelt müssen wir allerdings noch eine Sisyphusaufgabe erledigen: das Zelt einigermaßen mückenfrei bekommen. Die Biester sind resistent gegen den Qualm des Lagerfeuers und auch gegen die Räucherpatronen, die Pawel Bacharew uns mitgegeben hat.

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