Startseite
  Portfolios
  Ohrengeier
  Reiher
  Waldrapp
 
  Reiseberichte
  Kuwait 2008
  Ägypten 2007
  Ural 2006
  Türkei 2003
  Marokko 2001
 
  Kontakt/Service
  Kontaktformular
  Impressum
Werner Steffen
Wohlerst 47 · D-21698 Wohlerst
Tel.: 04166/841516 E-Mail: steffen@naturbild.de

Fahrt Krasnovishersk - 71. Quarter; Fußmarsch in die Taiga
zurück home weiter

Montag, 17. Juli

Von unseren Sachen nehmen wir nur das Allernotwendigste mit, um Gewicht zu sparen: kein Spektiv, kein Teleobjektiv, keine Taschenlampe (wir befinden uns nahe am nördlichen Polarkreis!!!), kein Trangia-Kocher, kaum Ersatzkleidung.

Das Wetter soll eigentlich auch bis Ende der Woche stabil bleiben. Wir würden allerdings Nachahmern auf jeden Fall empfehlen, hinreichenden Regen- und Wetterschutz mitzunehmen und auch mit kalter Witterung zu rechnen!

Pawel hat Proviant für unsere Tour eingekauft, wir steuern selbst noch Müsliriegel, Tütensuppen und Brotaufstrich bei. Zelt und Isomatten erhalten wir aus der Tour-Base. Unsere Rucksäcke behalten ein verträgliches Gewicht (12-16 kg), und im ersten Abschnitt werden uns unser Führer, der Ornithologe Dr. Wassili Kolbin und sein Sohn Anton noch beim Tragen helfen.

Zunächst geht es – wie immer per Uasik – auf die 170 km lange Piste zum „71.Quarter“, dem Ausgangspunkt für jede Visherski-Exkursion, sowie Rafting- und Fishing-Touren auf der Vishera.

Unser pistenerfahrener Chauffeur heißt Viktor Ruskaja (dieser Name steht tatsächlich im Pass). Begleitet werden wir von Anton Bacharew, der seine Englischkenntnisse immer mehr entdeckt, mit interessanten Reiseinformationen aufwartet und uns in „Russian Traditions“ einführt. Auch wir halten z.B. an der „Schlüsseltränke“, an der die russischen Fahrer traditionell anfangen, die prozenthaltigen Getränke auszupacken. Vitja/Viktor fährt konzentriert und zügig und mit geschultem Blick für Schlaglöcher, Felsbrocken, Balken, Schlammlöcher und die wechselhafte Materie unter seinen Reifen.

Es geht vorbei an Diamantminen (pro Monat wird hier eine Streichholzschachtel voll Diamanten gefördert, wobei natürlich ein immenser Abraum entsteht), ein Steinbruch soll viele Fossilien enthalten. Die Mittagspause nehmen wir, von Larisa gut versorgt mit Proviant, an einem Flüsschen ein. Gern würden wir mehr Orni-Stopps einlegen, aber wir müssen vorankommen, weil heute noch die erste Wander-Etappe ansteht.

Die Taiga offenbart uns vom Auto gesehen nicht viel Leben (außer einer ungewöhnlichen Kombination: Hinter einer Auerhenne wechseln 2 Haselhühner über die Trasse):Wacholderdrosseln, Nebelkrähen, hier und da ein Kolkrabe. Die Kleinvögel sind scheu, halten sich im Gebüsch verborgen und machen sich nur bemerkbar, wenn wir einmal anhalten. Dann hört man Grünlaubsänger, Buschrohrsänger und dann und wann Wanderlaubsänger.

Wir kommen neben den kümmerlichen Resten einer Brücke zu einer abenteuerlichen Fähre und zum Dörfchen Vaja, das lange in einer Sperrzone lag. Anton erklärt uns, dass man in Vaja („Russian Tradition!“) auf jeden Fall Bier kauft – z.B. auch für ihn und den Fahrer. Hierzu müssen wir allerdings den Ladenbesitzer erst einmal suchen... Wir genehmigen uns wegen der bevorstehenden Wanderung, deren Umfang und Schwierigkeitsgrad wir noch nicht abschätzen können, jeweils nur eine halbe Portion.

Die letzten 50 km sind ohne Allrad und viel Bodenfreiheit nicht zu bewältigen. Einmal stößt selbst der Uasik beinahe an seine Grenzen: Ein Bach hat sich durch die Wegtrasse gefressen. Vitja muss sein ganzes Können aufbieten, um die lehmige Böschung hinunter, über quer gelegte Baumstämme am Bachgrund und dann gleich wieder steil hinauf zu kriechen. Nach 8-stündiger Fahrt (!) kommen wir im 71.Quarter an und werden dort von unserem Wildnis-Guide Dr. Wassillij Kolbin (Wasja) und seinem Sohn Anton erwartet.

Die Ortsangabe „71. Quarter“ ist nach unseren Erkenntnissen eine Bezeichnung für einen bestimmten Planquadratkilometer. Hier endet die Piste am Ufer der Vishera. Eine Art Schutzhütte (Dach und zwei Seitenwände, ca. 20 qm), eine Feuerstelle und ein überdachter Essplatz befinden sich hier und bilden die Basisstation für Fischer und eine Gruppe russischer Rafting-Touristen. Natürlich werden wir gleich zu einem fröhlichen Imbiss eingeladen, natürlich gibt es dazu neben Tee auch einen Begrüßungstrunk...

Wasja drängt aus nahe liegenden Gründen zum Aufbruch. Anton und er haben ihre Rucksäcke bereitwillig mit den Dosen, Tüten, Kartoffeln und Zwiebeln voll gestopft, die in unseren keinen Platz haben.

Jetzt verlassen wir endgültig die Zivilisation: Mit einer schmalen Zille werden zuerst Bri, Sterz und Wasja über die extrem flache Vishera übergesetzt. Das überladene Boot tuckert mit stotterndem Motor ein Stück weit den Fluss hinauf. Aufgrund der Sprachbarrieren erhalten wir nur spärliche Informationen über das, was kommt. Geht es von nun an querfeldein? Hat Wasja einen Kompass oder ein GPS? Wie schwierig und wie lang wird der Weg, der heute noch vor uns liegt?

Wasja und der Bootsführer spähen nach einem geeigneten Landeplatz im Gestrüpp am anderen Ufer. Während der Fischer davonfährt, um die andere Hälfte unserer Mannschaft zu holen, schlagen wir uns durch dichtes Gebüsch, bis wir auf einen schmalen Trampelpfad stoßen – immerhin! Wir warten und warten..., ein gefundenes Fressen für die unzähligen Moskitos! Endlich kommen Hannes, Moritz und Anton Kolbin; der Bootsmotor hatte endgültig schlapp gemacht, sie mussten weiter flussabwärts an Land klettern.

Nun geht es im Gänsemarsch los. Angeführt von Wasja stapfen wir zügig durch hohes Farnkraut, durch schlüpfrigen Matsch und klettern über umgestürzte Baumstämme. Wunderschöner uriger Taigawald! Holzeinschlag oder Jagd sind verboten. Der Zustand des Trails spricht dafür, dass Menschen nur selten hier eindringen. Die Unwegsamkeit, die Rucksäcke und das flotte Tempo, das unser Führer anschlägt (auch mit Blick auf die Urzeit, es ist sicher schon 19.00 Uhr) vereiteln intensivere ornithologische Erkundungen.

Mit Vögeln ist diese fast unberührte Wildnis anscheinend nur dünn besiedelt. Sie sind schweigsam, bis auf die Laubsänger, und halten sich versteckt. Singdrossel, Kleiber, Zaunkönig, Weiden- und Tannenmeise erinnern an die Avifauna der Heimat. Aber Bergfink und Rotdrossel beweisen, dass wir weit im Norden sind, und der Zilpzalp (Taigazilpzalp, Ph..tristis), singt ganz anders als daheim, etwa „zip-pel-wi-wi-wi“. Irgendwo aus den Baumkronen tönt das Klappern des Wanderlaubsängers, am Weg warnen Waldammern, die wir wohl beim Füttern stören, ein aufgeregter Waldwasserläufer schimpft vom Baum an einem Sumpf, ein Haselhuhn flüchtet mit den Jungen. Das wäre dann schon die ganze ornithologische Ausbeute von 3 Stunden Fußmarsch gewesen, hätte nicht Wasja uns zweimal auf den Gesang des Blauschwanzes aufmerksam gemacht, der von fernen Baumwipfeln herüber tönt.

Nach ca. 3 Stunden kommen wir am heutigen Ziel an: Vjerchnaja Kuriksarka: Mitten im Wald eine Schutzhütte, und nur für uns allein. Wasja ist nicht nur unser Führer, sondern auch Chefkoch und bekommt ab sofort die Verfügungsgewalt über alle unsere Lebensmittelvorräte. Er ist schon etliche Wochen mit seinem Sohn in der Wildnis und freut sich jetzt sehr über die von uns beigesteuerte Abwechslung im Speiseplan. Wir kramen die kleinen Fläschchen hervor, mit konzentriertem Wodka, der mit Wasser verdünnt wird und stoßen auf die Gesundheit, die überstandenen Strapazen und die für Bri und Moritz neuen Vogelarten an.

Anton hat trotz aller Entbehrungen eine Gitarre dabei – so klingt der Abend wieder mal musikalisch aus, wobei wir feststellen, dass wir uns in mindestens 4 Sprachen verständigen können: Russisch, Englisch, Deutsch und Latein. Sterz und Moritz beschließen, in der Schutzhütte auf einem Bretterpodest zu schlafen, Hannes und Birgit ziehen das auf diese Weise geräumige und vergleichsweise moskitofreie Zelt vor.

Startseite Reisebericht Ural 2006 Reiseberichte