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Werner Steffen
Wohlerst 47 · D-21698 Wohlerst
Tel.: 04166/841516 E-Mail: steffen@naturbild.de

Von Perm nach Solikamsk
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Samstag, 15. Juli

Um 7.00 Uhr (gähn!) brechen wir nach Perm zum Busbahnhof auf. Bis zum Einsteigen in den Bus begleitet uns Mikhail und kümmert sich um jede Kleinigkeit. In seinem Office bekommen wir auch eine gute Karte der gesamten Region. Perm ist groß und hässlich und besitzt eine chaotisch gewachsene Infrastruktur. Smog. An der Busstation fallen viele deutsche und österreichische Linienbusse auf, die aus unterschiedlichen Dekaden stammen und mit Originalanzeige („Sonderfahrt“) und Originalwerbung („Volksbank Stemmingen“) im Liniendienst eingesetzt werden. Die Busfahrt nach Solikamsk dauert 4 Stunden. Der Buskomfort ist in Ordnung, der Bus ist voll besetzt, was wohl auch mit den Tarifen zu tun hat (8 € p.P. für 250km Strecke). Unsre Tickets –mit Platzreservierung - hat Michael rechtzeitig im Vorverkauf besorgt.

Weites Land, gerade Straße – viel mehr gibt es von der Fahrt nicht zu berichten. Sterz ist natürlich unglücklich, weil man nirgends anhalten und Vögel beobachten kann. Ein viertelstündiger Stopp an einer Raststätte wird genutzt, um die Gebirgsstelze unserer Artenliste hinzuzufügen.

In Solikamsk werden wir empfangen von Edwin Grieb, dem Leiter der deutsch-russischen Gesellschaft in Solikamsk. Er bringt uns zu unserem Hotel Dubrova (sehr ordentlich, im Hof, sehr bequem für uns, ein 24-Stunden-Shop). Wir haben etwas Pause, bis er uns zu unserem geplanten Treffen mit den Russlanddeutschen abholt.

Solikamsk („Salz an der Kama“) ist gezeichnet durch Salzbergbau (Kalium-, Natrium-, Magnesiumchlorid). Die Stadt steht auf einer 300 m dicken Salzschicht, darunter 300 m Steinkohle, darunter Öl. Weiterhin werden in der Region Gold und Diamanten geschürft (z.B. auch an der Vishera, wie wir später selbst sehen werden). Es ist eine recht alte Stadt, wir haben allerdings wenig Gelegenheit, diese historischen Spuren zu verfolgen. Lange war hier Sperrbezirk und Herr Grieb (der Leitender Bauingenieur für den gesamten Bezirk war) bekam, wenn er ins Ausland reiste, eine künstliche Identität.

Viele deutschstämmige Russen wurden nach dem 2. Weltkrieg unter Stalins Befehl aus allen Teilen der UdSSR hier her verschleppt und zwar vorwiegend die Männer. Ende der 50er Jahre gab es die Möglichkeit zur Familienzusammenführung, allerdings hatten viele sich inzwischen eine russische Frau gesucht und eine neue Familie gegründet. Deutsch zu sprechen, oder „deutsche“ (bzw. deutschrussische) Traditionen zu pflegen, war bis zur Perestroika verboten.

Mit dieser begann dann allerdings auch der Exodus nach Deutschland. Herr Grieb gibt an, dass es in der Region 200.000 deutschstämmige Bürger gab, in Solikamsk allein ca. 40.000. Heute ist nur ein kleines Grüppchen verblieben: bei der letzten Volkszählung haben sich nur noch 3.500 als Deutsche bezeichnet. Sicher haben sich aber auch viele inzwischen so assimiliert, dass sie sich als Russen fühlen und ihre deutschen Wurzeln ignorieren.

Die Perestroika hat nach E. Grieb zu vielen Verschlechterungen geführt, es wird nichts mehr gebaut oder gepflegt, die Strukturen sind zerstört. Für die Jugend fehlen Perspektiven, und die Kluft zwischen arm und reich wächst immer weiter an.

Wir treffen uns mit ca. 40 Russlanddeutschen, vorwiegend jenseits des Rentenalters. Mühsam versucht man etwas „Deutsches“ zu erhalten, wobei wir erleben, wie die Lebensgeister und das Temperament eher bei einem ukrainischen Volkslied erwachen. Viele sprechen kaum noch ein paar Wörter deutsch. Es wird versucht, über die Gemeinschaft einige Dinge zu organisieren: Deutschkurse für Kinder und Erwachsene, Computerkurse für Jugendliche, Freizeitaktivitäten. Ein Kindergarten wird betrieben, wobei auch hier die schwindende Zahl an Deutschstämmigen existenzgefährdend ist.

Nach dem deutsch-deutsch-österreichischen Austausch haben wir noch Zeit für einen Abendspaziergang am Stadtrand von Solikamsk ohne aufregende Vogelbeobachtungen.

Herr Grieb hat uns auch aus seiner früheren Tätigkeit berichtet: als Leiter der Bauabteilung der örtlichen Kolchose (so haben wir seine Funktion verstanden) hat er von der Materialbeschaffung (z.B. Holzeinschlag) bis zur Realisierung von Großprojekten erhebliche Verantwortung getragen. Er zeigte uns, welche Straßenzüge und Wohnblocks unter seiner Leitung aufgebaut wurden und berichtete uns auch von einigen bemerkenswerten Infrastrukturmaßnahmen: z.B. wurde beschlossen, die Petschora von ihrer nördlichen Flussrichtung zum Eismeer abzubringen und Richtung Süden zu lenken, um dem Wassermangel im kaspischen Meer zu beheben. Hierzu wurde mit einer Atomsprengung(!) z.B. ein Kanal in den Maßen 400x800x18m innerhalb von Sekunden geschaffen. Ähnlich ging man vor, um kleinere unterirdische Öl- und Gaskavernen effektiver auszubeuten: mit „dem Atom“ führt man sie schnell und effektiv zusammen. Wir sind von dieser Sicht auf die Atomkraft gelinde gesagt etwas verblüfft: hätten wir vielleicht doch einen Geigerzähler im Gepäck aufnehmen sollen?

P.S.: nördlich von Solikamsk finden unsere Handies kein verwendbares Netz mehr. Terra incognita, die Stille des Nordens ruft…

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